Widekmühle Halberstadt (Wehrstedt)
Widekmühle (auch Warmholzmühle, Klostermühle)

38820 Wehrstedt OT von Halberstadt, Am Anger 2, Landkreis Harz
Koordinaten: 51.91185, 11.08596
Eigentümer(in): privat
Das Objekt ist als Kulturdenkmal ausgewiesen. - Erfassungsnummer: 094 03139
Wassermühle, ehem. Turbine, Wasserlauf: Alte Holtemme
Nutzungsarten: Getreidemühle

Baujahr: 1228 urkundlich, Betrieb bis: k.A.
Zustand: gut, jedoch ohne Mühlentechnik,
nur noch im ehemaligen Mühlenkeller ein Rest der Turbinenwelle erkennbar, sonst ist der gesamte Vierseitenhof zu Wohnzwecken umfunktioniert, er bietet heute Platz für eine Privatwohnung, eine Pension und Ferienwohnungen.
Kulturgeschichte: Die Mühle gehörte ursprünglich dem Templerorden, ging später nach mehreren Verkäufen in das Eigentum des Zisterzenserordens über. 1643 wurde die Mühle durch die Schweden niedergebrannt und 1701 neu aufgebaut. Das ist auch z.T. Inhalt einer Inschrifttafel an einer Wand des Mühlenhofes.
Später ging die Mühle dann wohl in den Besitz der Stadt Halberstadt über, wurde schließlich zu einer freien Gewerbestätte und ist aufgrund ihrer Einzellage und der noch immer recht soliden Bausubstanz von allen Modernisierungsbestrebungen weitgehend verschont geblieben.

Die Mühle wird erwähnt in Wagenbreth, Düntzsch, Tschiersch, Wächtler - "Geschichte der Getreidemühlen - Technische Denkmale in Mittel- und Ostdeutschland" (aus meiner Sicht eines der besten Mühlenbücher weit und breit. W.S.)


Verwechslung mit der Geistmühle...

Es hat Jahre gedauert herauszufinden, dass es sich bei dieser Mühle NICHT um die sogenannte Geistmühle oder Heilige Geistmühle bei Wehrstedt (einem Ortsteil von Halberstadt) handelt. Auch die Autoren des o. g. Buches waren demselben Irrtum aufgesessen.
Heute aber gibt es viele tolle Recherchemöglichkeiten, so dass man mitunter, ohne den Schreibtisch zu verlassen, sehr viele Dinge finden kann.
Tatsächlich gab es am Lauf der Holtemme östlich von Halberstadt sowohl die Widekmühle, auch Warmholzmühle oder Klostermühle genannt. Eine Viertelstunde flussabwarts stand lange Zeit auch die Gestmühle, Geistmühle auch Heilige Geistmühle genannt.

Als Beleg dafür kann man durchaus ältere Kartenwerke heranziehen, so z. B. die Karte des Fürstentums Halberstadt von 1750, zu finden in der Deutschen Fotothek unter der Objektnummer 90009776. (Einfach die Objektnmmer in das Suchfeld des Starbildschirms kopieren...)
Und weil sich Kartografen mitunter wohl auch mal vertan hatten, was Ortsbezeichnungen usw. anbelangt, habe ich weiter recherchiert und tatsächlich in amtlichen Aufzeichnungen nach beiden Mühlen gesucht.

Fündig wurde ich u. a. hier: "Geographisch-statistisch-topographisches Handbuch des Regierungsbezirks Magdeburg - Im Auftrage der Königlichen Regierung zu Magdeburg nach amtlichen Quellen bearbeitet-Volume 1 von A. Bühling - 1864". (Google-Books)

Auf der Seite 20 findet sich dann die "Warmholzmühle" bei Wehrstedt (Halberstadt) und auf der Seite 18 auch die Geistmühle. Und da die Herren Steuereinnehmer um diese Zeit noch keine Computer hatten um Unsinn zu verzapfen, gehe ich davon aus, dass diese Angaben stimmig sind.

Sie finden sich zudem auch in anderen Quellen. Besonders hervorzuheben ist dabei wohl das Dokument: "GENERAL-PRIVILEGIUM und Gülde-Brief für die combinirte Müller-Innung im Fürstenthum Halberstadt, De Dato Berlin, den 5ten März 1782". Im Anhang dieses Gildebriefes, der übrigens von der damaligen Königlichen Regierung erlassen wurde, weil sich die ortsansässigen Müller nicht zur Gründung einer ordentlichen Zunft auf- oder zusammenraffen konnten, gibt es eine Liste jener Mühlen, die zur damaligen Zeit per Verordnung der Zwangsgilde zugeordnet wurden...

Hier ein Auszug daraus:

Deckblatt des historischen Drucks Seite 1 der Mühlen dieser Innung

Die Information, dass die Geistmühle im September 1900 durch einen Brand zerstört wurde findet sich schließlich in dem Büchlein "Das Dorf Wehrstedt" von Albert Täge, im Selbstverlag herausgegeben 1928. (Ein Exemplar des Buches befindet sich in meinem Besitz.)

Darin heißt es u. a. Zitat Anfang: "Seit alters haben von allen Gebäuden eines Ortes, die einem bestimmten Zwecke dienten, die Mühlen stets einen hervorragenden Platz gehabt." ... "Wehrstedt hatte vor 100 Jahren vier Wassermühlen. Mehr sind hier nie gewesen," ... "Die 1. Mühle lag dort, wo die zu Halberstadt gehörige Wehrstedter Straße unser Dorf trifft, an der Kurve der Magdeburger Eisenbahnlinie." ... "Die 2 Mühle wird wiederholt urkundlich erwähnt." ... "Das Grundstück hatte die alte Nr. 44, jetzt Kirchweg 2." ... "Die 3. Mühle ist die schon in den alten Urkunden von 1306 und 1323 erwähnte Mühle in der Wideck. Diese Wiedeckmühle war damals schon im Besitz des Burchardiklosters Halberstadt." ... "Und im vorigen Jahrhundert nannte man sie Warmolsmühle, sich dabei richtig an das alte Wort haltend, während man heute dieses Wort, ohne an die Abstammung zu denken, hochdeutsch entstellt hat und Warmholzmühle sagt, weil sie am Warmholzberge bei den Warmholzwiesen liegt (vgl. Näheres Kap. 25). In dem Jahre 1701 baute das Burchardikloster diese Mühle neu. Davon gibt eine Tafel noch heute Kenntnis." ...  "Es scheint, daß diese Mühle erst in der Franzosenzeit zu Wehrstedt gekommen ist. Eine Zeitlang trug sie die Nr. 60, seit 1862 nachweislich die Nr. 58, jetzt Anger Nr. 2" ... "Die 4. Mühle hat jedenfalls lange Zeit zu Großenquenstedt gehört. Sie ist durch die Franzosenzeit nach Wehrstedt gekommen und endgültig wohl erst bei der Separation uns zugeteilt worden. Über die alte Zeit konnte ich nichts ermitteln. Als Namen habe ich in einem Protokoll von 1840 die Bezeichnung Geistmühle gefunden, den ich auch mal in einer alten Generalstabskarte las. Im Orte selbst ist dieser Ausdruck fast unbekannt. 1875 spricht der Besitzer sogar von der Heiligen-Geist-Mühle." ... "Als Besitzer wurde 1815 Witwe Richen genannt, während 1840 Heinrich Velten Eigentümer ist. 1862 hat sie Karl Becker, dessen Sohn Gustav Becker sie dann erhielt. Im September 1900 brannte sie ab, und seitdem hat jeder Mühlenbetrieb dort aufgehört." Zitat Ende
Der Text findet sich einschließlich der Auslassungen auf den Seiten 96 bis 98 des Buches.

aktualisiert Dienstag d. 11.07.2023